Teresa von Avila (1515-1582)  gibt in ihrer Schrift die „Die innere Burg“ ihren Mitschwestern eine Hilfestellung für  den Gebetsweg. Der von ihr beschriebene Stufenweg macht die unterschiedlichen Glaubeneinstellungen und Glaubensfähigkeiten anschaulich. Auch heute ist ihre Schrift nützlich für  alle,  die begreifen, wie  wichtig es  ist, geistig zu wachsen und das vorherrschende mentale Ich-Bewusstsein zu überwinden. Jedoch nicht, indem wir das Ich als  etwas  zu Verdammendes betrachten, sondern indem  wir  auf der Ebene  des  Ich bemüht  sind, durch Erkenntnis eine Läuterung herbeizuführen, die einen Anschluss  an  ein höheres Bewusstsein ermöglicht.
Der hier wiedergegeben Exzerpt soll nicht eine nähere Beschäftigung mit Teresas Gebetsweg ersetzen, sondern soll im günstigsten Fall zu einer tieferen- auch meditativen Art- führen, sich dem Gehalt von Teresas „Innerer Burg“ zu nähern.

 

Erste Wohnung

Sobald ein Ich beginnt, an die Seele zu glauben, betritt es nach Teresa von Avila die erste Wohnung der inneren Burg. Das Ich bezeichnete Edith Stein einmal  als das Terrain in der Seele, durch welches sie sich selbst besitzt. Der Glaube an die Seele ist nicht von vornherein selbstverständlich, denn das Ich könnte auch in Unkenntnis der Seele sein oder ihre Existenz leugnen . Dann bleibt der Mensch allein dem Materiellen verhaftet,  und ein geistiges Leben kann sich nicht entfalten. Das Ich hat  zu Beginn des geistigen Weges die größte Macht. Diese Macht wird Stück für Stück abgelöst durch zunehmende Hingabe auf dem Gebetsweg und endet erst mit dem Tode. Mit dem Eintritt in die erste Wohnung beginnt das Ich den Glauben zu erbringen, dessen die Seele auf dem  inneren Weg bedarf. Denn die Seele lässt sich nur in ihren Wirkungen erfahren, die wir ihr glaubend zuschreiben oder nicht-glaubend verwerfen.

Die Seele  ist der Lebensfunke aus Gott selbst und belebt den physischen und feinstofflichen Körper. Der physische Körper ist Teil der materiellen Welt und Objekt dieser Welt. Der feinstoffliche Körper  (Ätherkörper) gehört einer geistigen Welt an und wird  durch einen Bewusstwerdungsprozess gestaltet. Dieser Prozess ist der individuelle Weg eines Menschen durch die „Wohnungen“  der inneren Burg.  Wohnung bedeutet der innere Zustand eines Betenden in Hinblick auf seinen Glauben und seine Einstellung.

Teresa beschreibt den Weg durch die Häuser als  einen Weg der Gebetsstufen.  „Gebet“ ist nach Teresa ein Sprechen mit Gott wie mit einem Freund und nicht das Herunterbeten zeremonieller Gebetstexte. Es ist also ein sehr individueller und persönlicher Weg. Das Gebet als Kommunikation mit Gott ist der Weg, auf dem ein Mensch die Einsichten gewinnt, die für ein geistiges Leben Voraussetzung sind.

Der Glaube an die Seele bedeutet, sich seines geistigen Lebens und seiner geistigen Herkunft bewusst zu werden, was wiederum dazu führt, seinem Leben einen ganz anderen Sinn zu geben als derjenige es vermag, der ohne Glauben bei seiner materiellen Existenz verbleibt. Eine Bewusstwerdung des geistigen Lebens ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung der Seele, bevor sie inkarnierte.

Der Lebensweg eines Menschen ist nicht allein ein Weg zwischen Geburt und Tod, er ist nicht allein eine Geschichte über die Geschicke einer Person mit individueller Identität, die sich in dem Wesen seines Ego zeigt. Es ist in Wirklichkeit ein doppelter Weg- ein innerer und ein äußerer, die sich gegenseitig bedingen. Die Bezüge, die das Ich betreffen, werden horizontale Ich-Bezüge genannt. In diesen Bezügen erlebt das Ich seine äußeren Geschicke – gewissermaßen seine Lebensgeschichte. Die Bezüge, welche die Seele betreffen, werden vertikale Seelenbezüge genannt. Diese sind Strebungen nach einer Höherpotenzierung des Lebens. Der Mensch steht in diesem Geflecht aus horizontalen und vertikalen Bezügen, wobei die horizontalen Geschicke die Impulse liefern, um auf der Vertikalen zu immer größerer Hingabe zu finden. Dies wird allerdings vom Ich als schmerzhaft empfunden. Deswegen heißt es auch, das Himmelreich (die Vertikale) wachse  an unseren Schmerzen, welche in jedweder Form dem Kreuz entsprechen. Teresa spricht bei der Beschreibung der ersten Wohnung von der Gebetshaltung. Der Mensch solle sich hüten, unbedacht daher zu schwatzen, und nicht mit der Majestät Gottes so reden, als spreche er mit seinem Sklaven. Da der Mensch noch vollkommen in seinen horizontalen Lebensbezügen befangen ist, ist er leicht versucht, in Gott lediglich eine Garantiemacht  für sein äußeres Wohlleben zu sehen; und er begreift noch nicht, dass es um des geistigen Lebens willen darum geht, ihn aus seinen Verhaftungen an seine Wünsche zu befreien. In der ersten Wohnung begreift der Mensch seine Lage noch kaum. Er vermeint in der Getrenntheit von Gott „gut“ zu sein. „Was nennst du Mich guter Meister; weißt du denn nicht, dass Gott allein gut ist?“, sagt bekanntlich Jesus. Er spricht damit die Selbstüberschätzung (Hochmut) an, in der der Mensch lebt. Diese Falschheit muss der Mensch erkennen und in sich korrigieren. Ihm muss grundsätzlich klar werden, dass er sich als Ich in Trennung  von Gott befindet. Teresa empfiehlt dem Suchenden die Selbsterkenntnis, die aber gerade in den ersten Wohnungen noch sehr Verunreinigungen unterliege, die den Menschen (den Adepten) über sich selbst täuschen. Selbsterkenntnis gelingt leichter, wenn sie nicht zu reiner „Nabelschau“ gerät. Auf der Horizontalen dreht sich das Ich ohnehin allein um sich selbst.

Teresa schreibt: „Doch nach meiner Ansicht werden wir mit unserer Selbsterkenntnis nie zu Ende kommen, wenn wir nicht danach trachten, Gott zu erkennen. Im Anblick seiner Größe entdecken wir unsere Niedrigkeit, und angesichts seiner Reinheit sehen wir unseren Schmutz. Die Betrachtung seiner Demut lässt uns erfahren, wie weit wir davon entfernt sind, demütig zu sein.“

In  Gott, respektive in Jesus Christus, ein Vorbild zu haben, schaffe die Möglichkeit einer Annäherung durch Nachahmung und Verähnlichung. Teresa fordert dazu auf, aus dem Schlamm der eigenen Erbärmlichkeit heraus zu steigen, da diese Feigheit und Verzagtheit leicht zum Hindernis für den Weg werden könne. Solche Mattherzigkeit (Halbherzigkeit) sei in Wirklichkeit eine Verdrehung der Selbsterkenntnis und führe zu einer falschen Demut.

Zweite Wohnung

Ist  ein Ich in die zweite Wohnung eingetreten, beginnt es mehr zu leiden, bzw. das stärker als Leiden zu empfinden, dem es sich auch zuvor in der ersten Wohnung  schon ausgesetzt sah. Das Ich hat begriffen, dass es sich um das Gebet bemühen muss, um ins Innere der Seelenburg vorzudringen. Dem verlockenden Ruf aus dem Inneren der Seele möchte es folgen, weil es ahnt, dass es ihr (der Seele) gut täte, sich von den Versuchungen der ersten Wohnung zu entfernen. Teresa bezeichnet die Ausdauer in der Bemühung als das Wichtigste in der zweiten Wohnung. Die Befriedigungen, die die  Welt schenkt, das Ansehen, welches das Ich genießt, Freunde, Verwandte und die Gesundheit zeigen seine  Gebundenheit. Es  befürchtet, dieser Güter verlustig zu gehen, wenn es dem inneren Weg im Gebet weiter folgt. Aber auch die Seele möchte vergehen, wenn das Ich nicht zuließe, was die innere Stimme im Gebet ihm befiehlt. Der Mensch empfindet also seine Zerrissenheit stärker, als noch in der ersten Wohnung, in der er taub und stumm gewesen sei für die geistige Welt.

Der Mensch versucht, sich durch Vernunftgründe selbst zu bekehren. Die Betrachtung der Vergänglichkeit der Welt, die  Belanglosigkeit aller horizontalen Schwierigkeiten gegenüber dem Wert des zu erstrebenden inneren Gutes oder die Überzeugung, keinen besseren Freund als  den im Inneren finden zu können, – mit solchen Argumenten sucht  das Ich sich zu überzeugen, denn der Glaube des Ich ist noch schwach.

Teresa schreibt: „Unser Glaube ist so tot, dass wir mehr nach dem begehren, was wir sehen, als nach dem, was ER uns verheißt; obgleich wir doch nur schlimmes Unheil an denen sehen, die diesen sichtbaren Dingen nachgehen.“

Die Gewohnheit der eitlen (nichtigen) Dinge und die Erfahrung, dass alle Welt sich mit ihnen abgibt, leisten der eigenen Trägheit Vorschub. Teresa empfiehlt, sich mit Menschen zu umgeben, die dasselbe Ziel erstreben oder noch besser mit solchen, die schon weiter zur Mitte der Seelenburg vorgedrungen  sind.

Schon für die zweite Wohnung rät Teresa, sich im Gebet keine Vorstellungen davon zu machen, was uns gegeben werden solle. Wer sich dem Gebet zu widmen beginne, der muss allein danach streben, mit aller Entschlossenheit sich darauf einzustellen, dass  sein eigener Wille mit dem Willen Gottes übereinstimme. Alle höhere Vollkommenheit bestehe in einer solchen Willensübereinkunft.

 

Dritte Wohnung

Die Gefahr für das in die dritte Wohnung versetzte Ich, liegt in der Empfindung einer Erhabenheit gegenüber den Schwierigkeiten der ersten beiden Wohnungen. Daraus könne leicht eine Selbstgerechtigkeit erwachsen. Vergleichbar ist diese mit der in der Geschichte von dem Pharisäer und dem Zöllner, in welcher der Pharisäer Gott dankt, dass er nicht sei wie der Zöllner. Der Zöllner jedoch bekennt seine Sündhaftigkeit und ist demütig vor Gott, während der Pharisäer etwas  auf seine vermeintliche eigene Leistung hält. Teresa wird nicht müde, den Strebenden zu ermahnen, jeden Fortschritt auf dem Weg in das Innerste  der Seelenburg der Gnade Gottes zuzuschreiben und ihn nicht als Ergebnis eigener Bemühung anzusehen.

Das Ich der dritten Wohnung ist zwar schon sehr an ein tugendhaftes Leben gewöhnt, was  es leicht dazu verführt, andere darüber zu belehren; es hat aber noch nicht die „Freiheit des Geistes“ gegenüber den äußeren Geschicken erreicht. Entzieht Gott solchen Menschen nur  ein klein wenig seine Gunst, so geraten sie leicht in Unruhe; sticht Gott quasi in ihre Achillesferse, geraten sie leicht aus der Fassung. Sie stellen aber damit äußere Kränkungen und Einbußen dem inneren Leiden gleichberechtigt an die Seite. Dies zeigt, wie sehr sie in Gott noch eine Garantiemacht ihres Wohllebens sehen, und wie weit sie noch von wahrer Willenshingabe entfernt sind. Es scheint ihnen ein vernünftiger Weg zu sein, „Schrittchen für Schrittchen“ vorwärts zu gehen, aber Teresa gibt zu bedenken, wie zäh ein solcher Weg sei: „So nimmt der Weg für uns nie ein Ende“. „Noch ist die Liebe nicht da, die einen der Vernunft[1] entreißt.“

„Sie tun so, als ob wir zu diesen Wohnungen gelangen könnten, während andere den Weg für uns gehen.“ Erst eine zunehmende Selbstvergessenheit bringt auf dem inneren Weg  voran. Sie können es nicht mit Geduld ertragen, dass ihnen die Tür zu dem Raum verschlossen ist, wo Christus weilt. Es ist wenig demütig zu glauben, man könne sich allein durch seine Tugendhaftigkeit ein Recht erwerben, nach innen vorgelassen zu werden. „Unsere Liebe muss durch Taten erwiesen werden. Denkt aber nicht, dass der Herr unserer Werke bedarf; er braucht die Entschlossenheit unseres Willens.“

Teresa empfiehlt, einen geistigen Führer zu suchen, dem „Dinge möglich sind, die uns unmöglich erscheinen.“ In einer Verähnlichung durch  ein solches  Vorbild kann man seine Schwäche überwinden.

 

Vierte Wohnung

Teresa schreibt über das Gebet in der vierten Wohnung, hier fingen die übernatürlichen Dinge an.Sie sieht keine Regel, nach der der Mensch zunächst lange Zeit in den zuvor genannten Wohnungen verbracht haben muss, um in diese vierte Wohnung  gelangen zu können. Sie sieht darin ein Geschenk des Herrn und bleibt darin bei ihrer Auffassung, dass die Wandlungen des Bewusstseins in den verschiedenen Wohnungen nicht das Ergebnis eigener Leistung seien. Die Anfechtungen seitens der Welt  erkennt sie als Gelegenheit, sich Verdienste zu erwerben. Versenkungen können immer nur sehr vorübergehende sein, denn eine Versenkung,  die in einem fortdauert, sei nicht ganz geheuer. Es  sei nämlich schwer möglich, dass der Geist des Herrn hier bei uns anhaltend in der Verbannung weile. Die Anfechtungen dienen sehr dazu, Klarheit über sich zu erhalten und daran festzustellen, wie sehr uns die äußere Welt noch in Unruhe zu versetzen mag und wie weit es mit unserer Entschlossenheit auf den inneren Weg her sei.

Teresa versucht, den Unterschied zwischen Freuden und Wonnen zu erklären. Freuden beginnen in unserer eigenen Natur und enden in Gott; Wonnen dagegen beginnen in Gott, und die Natur empfindet sie mit. Eine Wonne tritt also unvermittelt vom eigenen Tun auf; und man weiß nicht direkt, woher sie kommt. Sie treten auf, weil es dem Herrn gefällt. Dies bleibt einem Verstehen unzugänglich. Hier beginnt  die innere Beziehung zu Christus bewusst zu werden, welcher im Zentrum der Seele wohnt; diese Beziehung wird dem Menschen zunehmend bewusst, aber nicht allein als Bedürfnis des Verstandes, sondern des ganzen Menschen mit allen ihm selbst verborgenen Bereichen. Der Mensch ist noch sehr scheu und vertraut dieser Beziehung noch nicht rückhaltlos. Um das Bewusstsein für dieses Innere zu schärfen, helfe es nicht, viel zu denken, sondern viel zu lieben. Das bedeute, Gott in allem erfreuen zu wollen und die äußeren Dinge, die man den Inneren gleichstellt, nach und nach zu lassen, d.h. zu opfern, um freier für das Innere zu werden. Dass dies einer Zeit bedarf, weiß Teresa  sehr wohl und  bemerkt: „Aber glaubt nicht, ihr dürftet von nun an überhaupt nichts anderes mehr denken, und es sei alles verloren, wenn ihr euch ein wenig zerstreut.“ Der Konflikt zwischen dem Äußeren und dem Inneren zeigt sich besonders im unruhigen Denken, welches verhindert, dass wir die Möglichkeit der inneren Sammlung der Seele bemerken, weil wir uns noch zu sehr mit dem äußeren Denken gleichsetzen, d.h. identifizieren, welches aber vollkommen unerheblich ist und nur ein Indiz dafür ist, dass wir noch selber etwas wollen. Noch will der Mensch sich nicht allein der inneren Sammlung überlassen. Vor allem empfiehlt Teresa Demut:  nämlich nicht danach zu trachten, Wonnen zu erhalten, sondern sich auch von seinen Wünschen los zu machen, denn es gehe darum, Gott ohne Eigennutz zu lieben.

Was in diesem Gebetszustand geschieht, ist das Erwachen einer wirklichen inneren Sehnsucht nach Gott und das Erwachen der Liebe. Liebe zu etwas führt immer zu einer Bereitschaft, für das Geliebte Opfer zu erbringen, den eigenen Vorteil zugunsten des ersehnten Gutes zu vergessen. Der Mensch wird durch das Erwachen einer solchen neuen Motivation freier und zuversichtlicher; und es drängt ihn ein starker Wille, auch etwas für Gott zu tun. Nicht Angst vor der Hölle bewegt ihn, noch die Sorge, irgendetwas falsch zu machen, welche doch nur auf einer gewissen Furcht vor dem Herrn beruht, sondern das Verlangen, Gottes Liebe und Güte zu erkennen.

Die Seele wird sich ihrer selbst nur über das Bewusstsein des Ich bewusst; und so besteht noch lange eine Diskrepanz zwischen dem, was die Seele ist, und dem, was sie durch das Ich über sich selbst weiß.

In der vierten Wohnung beginnt ein möglicherweise langwieriger Prozess, der eine zunehmende „Ent-Ichung“ bedeutet. Spürbar wird dies an einer Verödung aller Wünsche und Begehrungen. Wünsche und Begehrungen sind die Ablenkung von der Bestrebung, auf dem inneren Weg voranzukommen und in tieferen Kontakt mit dem Innersten der Seele zu treten. Dies ist zwar ein Kennzeichen aller Bewusstseinszustände, denn Sicherheit auf diesem Wege gibt es nicht. Wichtig ist jedoch, wie dies vom Ich verstanden wird und wie es sich gegenüber einer mit dem vierten Haus einsetzenden inneren Führung verhält.

Die Langwierigkeit dieses Prozesses erklärt sich durch den Widerstand, den ein Ich diesem Vorgang entgegensetzt, sei es durch Ungehorsam der geistigen Führung gegenüber oder durch Unaufrichtigkeit beim Loslassen der Bindungen, was dann leicht in bloße Verdrängungen mündet.

Die Wonnen, von denen weiter oben gesprochen wurde, sind als erste bewusstere Berührung mit der Liebe und als Ermutigung zu verstehen, den Weg auch dann weiterzugehen, wenn die Berührung als Leiden erfahren wird.

Fünfte Wohnung

Das folgende wird von einem besonderen Bewusstseinszustand in der 5. Wohnung gesagt … „Hier dagegen ist sie [die Seele] völlig in tiefen Schlaf versunken, der sie den Dingen der Welt und sich selber gänzlich entrückt. Denn in der kurzen Zeit, die es dauert, ist sie wirklich ohne Besinnung, so dass sie nicht zu denken vermag, selbst wenn sie wollte. Hier bedarf es keiner künstlichen Bemühungen, um dem Denken Einhalt zu gebieten.“

Liebe übersteigt Erkenntnis.  Dies ist das Motto für den Weg ab der fünften Wohnung und gleichzeitig der Ausgangspunkt für die Anforderungen der sechsten und siebenten Wohnung. Die Führung durch die Erkenntnis wird abgelöst durch das blinde Vertrauen auf die Liebe.

Eine bewusste Kontrolle durch das Denken und die Erkenntnis als Führerin auf dem Wege wird nun zu einem Hindernis auf dem weiteren Weg: Die Geschicke müssen in blindem Vertrauen der Liebe überantwortet werden – ein schwieriger Schritt für alle mental kontrollierten Menschen, die sich nicht aus der Hand geben wollen.

„Nachdem wir so weit gekommen sind, ist es unmöglich, dass wir in unserem Wachstum stehenbleiben; denn die Liebe ist nie müßig.“

Die Liebe allein vermag die Seele als Ganzes (holografisch) zu umfassen, während der Erkenntnisweg immer nur Teilaspekte erfasste.

„Wie erfassen wir dann das, was wir nicht sehen, mit solcher Sicherheit? Das weiß ich nicht. Es ist sein Werk. Doch ich weiß, dass ich die Wahrheit sage. Und wenn jemand danach nicht diese Sicherheit hat, so würde ich sagen, dass es keine Vereinigung der ganzen Seele mit Gott gewesen ist, sondern nur die einer einzelnen Seelenkraft, also eine der vielen anderen Arten von Gnaden, die Gott der Seele erweist.“

 

Sechste Wohnung

„Beginnen wir denn, mit Hilfe des Heiligen Geistes von der sechsten Wohnung zu sprechen, wo die Seele schon verwundet ist von der Liebe des Bräutigams, wo sie noch mehr nach Einsamkeit strebt und  – je nach ihrem Stande –  sich möglichst alles dessen zu entledigen sucht, was ihr diese Einsamkeit stören könnte. Ich habe schon gesagt, dass man in diesem Gebet nichts derart sieht, dass man es ein Sehen mit den Augen oder der Vorstellungskraft nennen könnte.“

„Oh mein Gott: Wieviel innere und äußere Mühsal muss sie erleiden, bevor sie in die siebte Wohnung eintritt!“ Tratsch unter den Leuten, mit denen man zu tun hat, Verleumdungen, Krankheiten und Schmerzen, Ignoranz und Unwissenheit, z.B. in der Gestalt eines Beichtvaters, der „alles als Werk des Teufels oder der Melancholie verdammt“, Anfechtungen jeder Art …

Es ist unsagbar, denn es sind Bedrängnisse und Schmerzen im Geist, für die es keinen Namen gibt. Das beste Mittel (nicht um davon befreit zu werden – denn so eines habe ich nicht gefunden! -, sondern um es ertragen zu können) ist, sich guten praktischen Werken zu widmen und auf das Erbarmen Gottes zu warten, das keinem versagt bleibt, der auf ihn harrt. Es bleibt einem in diesem Sturm nichts weiter übrig, als auf das Erbarmen Gottes zu warten.“

„Ich bin überzeugt, dass der Schmerz nicht aufhören wird, bis wir dort sind, wo uns nichts mehr ein Leid zufügen kann.“

Die sechste Wohnung ist eine Passions- oder Leidenszeit, sowohl innerlich wie äußerlich. Die Umsetzung der wirksam werdenden Liebe in Barmherzigkeit ist die Aufgabe des in der Sechsten Wohnung Befindlichen – und sein Weg zur Vereinigung mit Christus in der siebenten Wohnung.

„Wenn die Seele so entbrannt ist und sich verzehrt, geschieht es oft durch einen flüchtigen Gedanken (Wie lange der Tod wohl noch auf sich warten lässt?)  oder durch irgendein Wort, das sie daran erinnert, dass von irgendwoher  – man begreift nicht, woher es kommt oder wie –  ein Stoß sie trifft oder etwas wie ein feuriger Pfeil. Ich sage nicht, dass es ein Pfeil ist; aber was es auch sein mag: man erkennt klar, dass es nicht aus unserer Natur kommen kann. Genauso wenig ist es ein Stoß, auch wenn ich „Stoß“ sage; doch es verwundet scharf, und zwar nicht dort, wo man gewöhnlich die Schmerzen fühlt, sondern  – so scheint es mir –  zutiefst im Innern der Seele. Dahinein schlägt dieser Blitz, der alles, was er Irdisches an unserer Natur findet, geschwind durchzuckt und in Staub verwandelt.

Dieses Erleben ist eine Qual, aber es hinterlässt gewaltige Wirkungen in der Seele. Sie fürchtet fortan keine Leiden mehr, die noch kommen mögen.“

Siebente Wohnung

Annäherung, Vertrautwerden oder geistige Verlobung sind Begriffe, die beschreiben, was in den bisherigen Wohnungen geschah. Mit der siebenten Wohnung beschreibt Teresa nun die geistige Hochzeit. Geistige Hochzeit ist die Vereinigung der bisherigen zwei Willenszentren, nämlich des Ich  und des Göttlichen in Gestalt von Christus im Innersten der Seele zu einem Willen. Bisher waren solche Verbindungen wie die zweier Wachskerzen, die man nahe  aneinander hielt, ihre Lichter verband, sie aber wieder leicht voneinander trennen konnte. Nun beschreibt Teresa die Vereinigung anhand des Bildes vom Regen, der in einen Fluss fällt und nicht mehr von diesem unterschieden werden kann; oder mit dem Bild zweier Lichtstrahlen, welche  durch unterschiedliche Fenster in einen Raum fallen, sich aber im Raum untrennbar zu einem Licht verbinden. Eine solche Gebetswirkung ist die denkbar innigste. Es ist die unlösbare Vereinigung zwischen Braut (Seele) und Bräutigam (Christus), um im Bild der im Mittelalter üblichen Braut-Mystik zu sprechen. Die mythologische Bildersprache Teresas ist die ihrer Zeit und ist für uns heute nicht von selbst verständlich. Vielfach ist es Expertenwissen geworden, besonders wenn es vor dem Hintergrund der Allegorien griechischer Mythologie ausgedrückt wurde, wie beispielsweise in Gemälden oder philosophischen Texten. Teresa schildert, wie die Seele in diesem Gebetszustand jede Aktivität preisgibt und ausschließlich hingegeben ist und sich sogar vollständig selbst vergisst. Sie schildert diese Verwandlung im Bild eines kleinen Falters, der zunächst eine Raupe war, dann ein kleiner Schmetterling, der unruhig suchend umherflatterte; und welcher nun (im siebenten Haus) in Freude, sein Ziel erreicht zu haben, stirbt. Mit diesem Falter meint Teresa zweifellos das selbstbestimmte Ich, welches die Seele zuvor beherrschte.

Noch eine andere Wirkung dieser innigsten Gebetsstufe nennt Teresa: Die Sehnsucht nach einem Ende aller ihrer Leiden im Tode wird abgelöst durch den Wunsch, noch lange zu leben. Der Wunsch nach Fruchtbarwerdung für die ganze Menschheit hat die Seele ergriffen. Evelyn Underhill fasst dies in die Worte: „Erfüllt von einem übermächtigen Gefühl des göttlichen Lebens, der letzten wunderbaren Wirklichkeit, die sie trägt und bedrängt, möchten sie (gemeint sind die Kontemplativen) die Offenbarung, das reichere Leben, das sie empfangen haben, anderen mitteilen. Nicht die geistliche Hochzeit, sondern die göttliche Fruchtbarkeit ist ihr Endzustand.“

[1] (Kösel-Übersetzung: „Ihre Liebe hat noch keinen so hohen Grad erreicht, dass sie ihnen den Vernunftgebrauch raubte.“) Gemeint ist ein Vernunftgebrauch, der sehr darauf bedacht ist, sich ja nicht zu viel Entsagung zuzumuten.